David Christians „Big History“ erzählt die Geschichte der Welt nicht nur aus menschlicher Sicht, sondern vom Urknall bis heute – also wirklich „komplett“. Er sagt: „Wenn wir die Geschichte der Welt verstehen wollen, dürfen wir nicht erst bei Schrift oder den ersten Hochkulturen anfangen, sondern schon bei der Entstehung von Raum, Zeit, Materie und Energie.“
Seine Erzählung baut er in „Schwellen“ auf – das sind wichtige Wendepunkte, an denen völlig neue Formen von Komplexität entstehen. Zuerst der Urknall, dann die Bildung von Sternen, die die chemischen Elemente erzeugen, ohne die es keine Planeten gäbe. Dann die Entstehung der Erde, die durch ihre Lage im Sonnensystem genau die richtigen Bedingungen („Goldilocks-Bedingungen“) hatte, damit Leben ent-stehen konnte.
Leben entwickelt sich vom Einfachen zum Komplexen – Bakterien, Einzeller, dann Vielzeller. Schließlich tritt der Mensch auf. Das Besondere an uns ist laut Christian nicht so sehr unsere Biologie, sondern dass wir kollektiv lernen können: Wir können Wissen weitergeben, sammeln und von Generation zu Generation immer mehr aufbauen. Damit beschleunigt sich die Entwicklung.
Wichtige Wendepunkte sind nach der Phase der „Sammler und Jäger“ die Sesshaft-werdung und Landwirtschaft: Menschen bauen Pflanzen an, halten Tiere, erzeugen Überschüsse, gründen Dörfer und später Städte und Staaten.
Ein neuer großer Sprung ist die „Industrielle Revolution“, weil jetzt fossile Energie (Kohle, Öl) genutzt wird. Plötzlich haben Menschen riesige Energiemengen zur Verfügung, wodurch Technik, Wissenschaft und Gesellschaft „explodieren“. Damit werden wir Menschen zur planetaren Kraft, die das Klima verändert und die Erde massiv beeinflusst.
Am Ende betont Christian: „Unsere Zukunft hängt davon ab, ob wir unser kollektives Lernen nutzen, um die Probleme – Klima, Umwelt, Kriege – gemeinsam zu lösen.“
Die Stärke von „Big History“ liegt darin, dass sie viele Wissenschaften zusammenbringt: Astrophysik, Kosmologie, Physik, Biologie, Geschichte und Anthropologie. Dadurch entsteht ein grosses Gesamtbild, das Orientierung gibt – gerade in einer Zeit, in der man vor lauter Spezialwissen den Überblick verliert. Für das Nachdenken über unseren Platz im Universum ist das sehr spannend. Man könnte sogar sagen: Christian erzählt eine moderne „Schöpfungsgeschichte“, nur eben auf wissenschaftlicher Basis, ohne Religion.
Aber es gibt auch notwendige Kritik. Zum ersten: Weil Christian so große Zeiträume betrachtet, gehen die Details der menschlichen Geschichte schnell verloren. Es wird dann so dargestellt, als ob alle Kulturen ungefähr gleich wären und nur „Zwischenschritte“ in einem großen Ganzen. Das ist für Historiker problematisch, weil Macht, Konflikte, Unterschiede und Ungerechtigkeiten unter den Tisch fallen.
Zweitens: Auch wenn Christian sagt, die Entwicklung sei nicht vorbestimmt, wirkt seine Darstellung manchmal so, als sei die Menschheit oder die moderne Industrie-gesellschaft eine zwangsläufige Folge, d.h. deterministisch. Dadurch entsteht der Eindruck einer Art Fortschrittsgeschichte, obwohl in der Realität vieles ganz anders hätte laufen können.
Drittens: Nicht alle „Schwellen“ sind gleich gut wissenschaftlich abgesichert. Kosmologie oder die Entstehung von Sternen sind ziemlich klar erforscht, aber Dinge wie die „Landwirtschaftliche Revolution“ oder die Ursachen der „Industrialisierung“ sind sehr umstritten. Trotzdem reiht Christian das alles in eine einzige Erzählung ein, wodurch Unterschiede in der wissenschaftlichen Absicherung des Wissens verwischt werden.
Und schließlich: Seine Lösungsvorschläge bleiben recht allgemein. Er fordert globale Zusammenarbeit, aber erklärt nicht wirklich, warum das so schwer ist oder welche Machtinteressen im Weg stehen. Man kann ihm deshalb vorwerfen, dass er die politische und soziale Seite in seinem Ansatz vernachlässigt.
„Big History“ ist kein Ersatz für „normale“ Geschichtswissenschaft, sondern eine Ergänzung. Sie liefert einen grossen Rahmen, in den man menschliche Geschichte einordnen kann, und macht deutlich, wie sehr wir vom Universum, von Energieflüssen und vom Leben auf der Erde abhängen. Sie inspiriert, global zu denken, hat aber auch Schwächen: Sie ist sehr allgemein, kann Details verwischen und klingt manchmal wie eine Fortschrittserzählung.
Trotzdem ist sie ein spannendes Denkmodell, das zeigt, wie klein wir eigentlich sind – und wie gross zugleich unsere Verantwortung geworden ist.
Zudem ist Christian ein guter Erzähler und packt seine „Geschichte“ in gut verdauliche Lektionen.

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